Säule 3a: Aktien oder Bonds? Fallstudie mit konkreten Zahlen
Gleiche Einzahlsumme, gleiche Laufzeit — über CHF 584’000 Unterschied. Der Anlageentscheid innerhalb der Säule 3a ist wichtiger als die Einzahlhöhe.
Das 3a-Sparkonto gilt als vernünftige Wahl. Keine Schwankungen, keine Nervosität, kein schlechter Monat. Was die meisten nicht nachrechnen: Wer heute 25 Jahre alt ist, CHF 7’258 pro Jahr einzahlt und sich für das Sparkonto statt für ein ETF-Portfolio entscheidet, verlässt die Säule 3a mit rund CHF 584’000 weniger — bei identischer Einzahlsumme. Der Artikel vergleicht das meistgewählte 3a-Produkt (Sparkonto) mit dem optimalen Pendant (ETF-Portfolio mit Aktienausrichtung) — und zeigt, ab wann ein Umstieg auf Obligationen tatsächlich Sinn ergibt.
Auch mein 3a-Geld lag jahrelang auf einem Sparkonto. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Trägheit: Das Konto war schon da, die Einzahlung lief automatisch, und der Zins auf dem Jahresauszug sah zumindest unauffällig aus. Das änderte sich, als ich mich ernsthafter mit Personal Finance und der FIRE-Bewegung beschäftigte. Den letzten Schubs gab mir mein Schwager, der mir eines Abends erzählte, wie viel sein 3a-Portfolio in einem guten Börsenjahr zugelegt hatte — im Vergleich zu meinen paar Franken Zins. Ich habe danach gehandelt, meine Konten zu VIAC transferiert und, mit Blick auf meinen Zeithorizont, vollständig auf Aktien gesetzt. Bereut habe ich das zu keinem Zeitpunkt.
Das stille Konto — was ein 3a-Sparkonto wirklich kostet
Die meisten Schweizer Banken bieten 3a-Sparkonten mit Zinssätzen zwischen 0% und 0.4% an. Historisch liegt die reale Rendite eines global diversifizierten Aktienportfolios bei 5–7% pro Jahr nominal. Bei einem Anlagehorizont von 35 Jahren ist die Differenz keine Kleinigkeit mehr.
Was das Sparkonto besonders teuer macht: Die Säule 3a ist das am stärksten privilegierte Anlagegefäss in der Schweiz — keine Vermögenssteuer während der Laufzeit, keine Einkommenssteuer auf Dividenden innerhalb der Hülle, kein Kapitalgewinnsteuer beim Bezug (nur Vorsorgetarif). Dieses Privileg wird beim Sparkonto mit der renditeschwächsten Anlageform kombiniert. Das Instrument ist ideal. Die Anlage ist es nicht.
Dazu kommt: Die Schweizer Inflation liegt langfristig bei rund 1–1.5% pro Jahr. Bei einem Sparkonto-Zins von 0.4% bedeutet das eine negative Realrendite von ungefähr −0.7% bis −1.1%. Das Guthaben wächst nominal — verliert aber real an Kaufkraft.
Wer CHF 7’258 pro Jahr in ein 3a-Sparkonto einzahlt, glaubt, er geht kein Risiko ein. In Wirklichkeit trägt er das grösste Risiko innerhalb der Säule 3a: das Risiko, auf 35 Jahre Aktienrendite zu verzichten — und die Kaufkraft seiner Ersparnisse schleichend zu verlieren — in einem Gefäss, das explizit für langfristiges Wachstum konstruiert wurde.
Fallstudie — CHF 7’258 pro Jahr über 35 Jahre
Gleiche Person (25-jährig, frühestmöglicher Bezug ab 60), gleiches Einkommen, gleiche Einzahlsumme. Nur die Anlageform ist verschieden:
Einzahlsumme total: CHF 254’030 — identisch in beiden Szenarien
Detailvergleich — Endwert nach 35 Jahren
| Anlageform | Einzahlsumme | Endwert | Ertrag |
|---|---|---|---|
| 3a Sparkonto (0.4% p.a.) | CHF 254’030 | CHF 273’000 | CHF 19’000 |
| 3a ETF-Portfolio (6.0% p.a.) | CHF 254’030 | CHF 857’000 | CHF 603’000 |
| Unterschied | — | CHF 584’000 | CHF 584’000 |
Jährliche Einzahlung am Jahresanfang, konstante Rendite, nicht inflationsbereinigt. Historische ETF-Renditen sind kein garantierter Zukunftswert.
Der Unterschied von CHF 584’000 entsteht ausschliesslich durch die Anlageform — nicht durch eine andere Einzahlhöhe, nicht durch einen Anbieterbonus, nicht durch Markt-Timing. Nur dadurch, was mit dem Geld gemacht wird.
Warum die Säule 3a strukturell ideal für Aktien ist
Innerhalb der 3a-Hülle greifen drei Steuervorteile gleichzeitig — und alle drei wirken besonders stark in Kombination mit Aktien:
- Keine Vermögenssteuer während der Laufzeit: Das Kapital in der 3a wird nicht als steuerbares Vermögen gezählt. Wer CHF 200’000 im 3a-ETF-Portfolio hält, zahlt darauf keine jährliche Vermögenssteuer.
- Keine Einkommenssteuer auf Dividenden innerhalb der Hülle: Dividenden, die ein ETF innerhalb der Säule 3a ausschüttet oder thesauriert, werden nicht als Einkommen besteuert. Sie fliessen vollständig zurück ins Portfolio. Ausserhalb der 3a würden sie zu deinem Grenzsteuersatz besteuert.
- Kein Kapitalgewinnsteuer beim Bezug: Beim Bezug fällt nur der reduzierte Vorsorgetarif an — nicht auf die Kursgewinne, sondern auf das Gesamtguthaben. Das ist fundamental anders als in Deutschland oder Österreich.
Für einen Schweizer Anleger mit 20% Grenzsteuersatz und 2% Dividendenrendite bedeutet das: Innerhalb der 3a sind diese 2% effektiv 2%. Ausserhalb des Gefässes nur 1.6% — nach Einkommenssteuer. Über 35 Jahre macht auch dieser Unterschied allein rund CHF 30’000–50’000 aus.
Wann Bonds in der Säule 3a sinnvoll sind
Es gibt eine Situation, in der der Wechsel zu Bonds oder stabilen Anlagen innerhalb der 3a sinnvoll ist: wenn der geplante Bezug näher rückt.
Das Sequence-of-Returns-Risiko ist hier entscheidend: Wer mit 60 beginnt, die Säule 3a gestaffelt zu beziehen, hat bei einem Börsencrash kurz vor dem ersten Bezug keine Zeit, auf Erholung zu warten. Was bei einem 25-Jährigen ein normaler Markteinbruch ist, ist für einen 58-Jährigen ein Planungsproblem — denn das Guthaben muss bis spätestens 65 ausgezahlt sein.
- Mehr als 10 Jahre bis Bezug: 100% Aktien / ETF-Portfolio
- 5–10 Jahre bis Bezug: schrittweise Reduktion auf 50–70% Aktien
- Weniger als 5 Jahre bis Bezug: vorwiegend Bonds/Stable, max. 30% Aktien
Diese Umschichtung ist bei allen modernen 3a-Anbietern direkt im Konto möglich — ohne Steuerfolgen, da innerhalb der 3a-Hülle.
Ausnahme: nach einem Markteinbruch. Wer kurz vor dem geplanten Bezug in einen Crash gerät, steht vor einem Dilemma. Zu Tiefstpreisen zu verkaufen, um in Bonds umzuschichten, kann schlechter sein als investiert zu bleiben und die Erholung abzuwarten — sofern andere liquide Mittel vorhanden sind, um die ersten Bezugsjahre zu überbrücken. Eine starre Regel ersetzt kein Situationsurteil.
Für einen 25-Jährigen liegt der frühestmögliche Bezug 35 Jahre entfernt. Das ist Aktienland — klar und eindeutig.
Sonderfall Wohneigentumsvorbezug (WEF): Wer plant, die Säule 3a für den Erwerb von Wohneigentum vorzeitig zu nutzen, sollte den Bezugszeitpunkt in die Allokation einrechnen. Da der WEF-Zeitpunkt weniger planbar ist als der Bezug ab 60, kann ein früherer, schrittweiser Einstieg in eine gemischte Allokation sinnvoll sein.
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Anbietervergleich — Wer erlaubt wie viel Aktienanteil?
Das grösste praktische Hindernis bei vielen traditionellen Banken: Der maximale Aktienanteil liegt bei 45–75%. Wer 90–99% Aktienquote will, braucht einen Spezialanbieter.
| Anbieter | Max. Aktienanteil | TER (ca.) |
|---|---|---|
| Finpension 3a | 99% | ca. 0.39% |
| Valuepension | 99% | ca. 0.40% |
| VIAC Global 97 | 97% | ca. 0.52% |
| Klassische Bank-3a (UBS, ZKB, Raiffeisen u.a.) | 45–75% | 0.7–1.5% |
TER = Total Expense Ratio (jährliche Gesamtkostenquote). Werte sind Näherungen — aktuelle Konditionen direkt beim Anbieter prüfen.
Wer heute bei einer Bank ein 3a-Sparkonto führt, kann dieses auf einen ETF-Anbieter übertragen. Die Übertragung ist steuerneutral und kostet in der Regel nichts. Der Prozess dauert 2–4 Wochen und erfordert ein neues Konto beim Zielanbieter sowie ein Übertragungsformular.
Wer mehrere 3a-Konten führt (empfohlen für die Staffelstrategie beim Bezug), kann auch neue Konten bei verschiedenen Anbietern eröffnen und zukünftige Einzahlungen aufteilen.
Für wen der Wechsel heute Sinn ergibt
Ein einfacher Entscheidungsbaum:
- Anlagehorizont > 10 Jahre: Wechsel auf ETF-Depot — jetzt und konsequent
- Anlagehorizont 5–10 Jahre: Mischportfolio, 50–70% Aktien, Rest Bonds/Stable
- Anlagehorizont < 5 Jahre: Bestehende Anlage beibehalten oder auf Stable umschichten
- Kein klarer Bezugszeitpunkt definiert: Anlagehorizont zunächst festlegen — dann entscheiden
Wer heute 20–45 Jahre alt ist, hat in der Säule 3a einen Anlagehorizont von mindestens 15 Jahren bis zum frühestmöglichen Bezug ab 60. In dieser Konstellation gibt es im Rückblick kaum einen 15-Jahres-Zeitraum in der Geschichte der Weltaktienmärkte, in dem ein global diversifiziertes ETF-Portfolio eine negative Gesamtrendite erzielt hätte.
Fazit
Die Frage «Aktien oder Bonds in der Säule 3a?» klingt nach einer Renditeoptimierung am Rand. In Wirklichkeit ist sie die folgenreichste Einzelentscheidung innerhalb des gesamten Instruments.
Wer heute 25 Jahre alt ist und diese Frage mit «Sparkonto» beantwortet, verlässt die Säule 3a mit rund CHF 584’000 weniger als mit einem ETF-Portfolio — bei identischer Einzahlsumme und identischer Laufzeit. Dieser Betrag ist keine hypothetische Zahl. Er ist das Ergebnis desselben Zinseszins-Mechanismus, der bei der Säule 3a besonders gut funktioniert, weil das Wachstum vollständig steuerfrei ist — und weil der Sparplan über 35 Jahre läuft, nicht 5.
Das Risiko liegt nicht in Aktien. Es liegt darin, 35 Jahre lang die falsche Anlageform für ein Instrument zu wählen, das explizit für langfristiges, steuerprivilegiertes Wachstum konstruiert wurde.
Weiterführende Quellen
- Finpension — Säule 3a mit hohem Aktienanteil
- VIAC — Säule 3a anlegen
- Valuepension — Säule 3a
- Säule 3a 2026: Höchstbetrag und Steuervorteil berechnen (SwissWealthTrail)
- Schweizer Steuern für Vermögensaufbau: Vollständiger Leitfaden (SwissWealthTrail)