Erste Einzelaktie kaufen in der Schweiz: Schritt-für-Schritt-Anleitung
Der erste Aktienkauf fühlt sich gross an — und das ist er auch. Dieser Leitfaden führt dich sicher durch jeden Schritt.
Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich meine erste Einzelaktie kaufte. Ich hatte wochenlang recherchiert, war überzeugt — und zögerte trotzdem 20 Minuten vor dem «Kaufen»-Knopf. Was ich damals lernte: Wer keine Überzeugung hat, soll nicht kaufen. Wer eine Überzeugung hat, soll nicht ewig zögern.
Schritt 1: Warum überhaupt Einzelaktien — und für wen?
Bevor wir über den ersten Kauf reden, eine ehrliche Frage: Sind Einzelaktien das Richtige für dich?
- Bereit bist, Zeit in Unternehmensanalyse zu investieren (mind. 2–4 Stunden pro Idee)
- Einen langen Zeithorizont hast (5–10+ Jahre)
- Kursrückgänge von 30–50% in einzelnen Positionen emotional verkraften kannst
- Den Steuerbonus auf Kursgewinne in der Schweiz nutzen möchtest
Du wenig Zeit oder keine Lust hast, dich mit der Analyse von Einzelunternehmen auseinanderzusetzen — oder dir nicht sicher bist, ob du die nötige Disziplin hast.
Die meisten Schweizer Anleger sollten mit ETFs als Basis starten — und Einzelaktien allenfalls mit zunehmendem Finanzwissen als Ergänzung aufbauen. Ich selbst fahre eine hybride Strategie: Wo es einen geeigneten, kostengünstigen ETF gibt, setze ich auf diesen. Einzelaktien wähle ich gezielt dort, wo kein passender ETF existiert oder wo ich eine klare Überzeugung für ein spezifisches Unternehmen habe.
Schritt 2: Den richtigen Broker wählen
Für Schweizer Privatanleger gibt es mehrere solide Optionen. Die wichtigsten Kriterien:
| Kriterium | Warum es wichtig ist |
|---|---|
| Transaktionsgebühren | Kosten fressen Rendite — besonders bei kleinen Positionen |
| Depotgebühren | Fixkosten auch ohne Handel |
| Verfügbare Börsenplätze | Zugang zu US-Aktien, europäischen Börsen, SIX Swiss Exchange |
| Regulierung | Schweizer FINMA-Regulierung oder EU-BaFin gibt mehr Sicherheit |
| Steuerdokumente | Liefert der Broker ein korrektes Wertschriftenverzeichnis? |
Schweizer Retailbanken (UBS, Raiffeisen, PostFinance usw.) fehlen hier bewusst. Sie bieten zwar Depots an — jedoch zu Gebühren, die für Anleger kaum konkurrenzfähig sind. Transaktionskosten können 5–10× höher liegen als bei einem spezialisierten Online-Broker. Ein Broker hat keine Bankfilialen zu unterhalten und gibt die Kosteneinsparung weiter. Über Jahre summiert sich dieser Unterschied erheblich.
Bekannte Optionen für Schweizer Anleger
- Interactive Brokers (Affiliate-Link) — meine persönliche Empfehlung: einer der günstigsten Broker weltweit mit riesigem Aktienuniversum. Die Oberfläche ist anfangs komplex, aber für ernsthafte Anleger kaum zu schlagen.
- Swissquote — schweizerischer Broker, FINMA-reguliert, breites Angebot; höhere Gebühren als Interactive Brokers, dafür einfachere Bedienung
- Saxo Bank — Mittelklasse Gebühren, gutes Angebot
Für Swissquote und Saxo Bank erhalte ich derzeit keine Vergütung. Die richtige Wahl hängt von deiner Handelshäufigkeit und Depotgrösse ab.
Schritt 3: Das Unternehmen verstehen — bevor du kaufst
Die wichtigste Regel: Kaufe nur, was du verstehst. Verstehen bedeutet:
- Du kannst das Geschäftsmodell in 3 Sätzen erklären
- Du weisst, wie das Unternehmen Geld verdient — und warum es davon etwas übrig behält
- Du hast den letzten Jahresbericht gelesen (nicht nur die Zusammenfassung)
- Du kannst die 3 grössten Risiken benennen
Einfache Erstanalyse-Checkliste
- Was macht das Unternehmen? — Jahresbericht, Investor-Relations-Seite
- Verdient es tatsächlich Geld? — Schau auf den Free Cashflow, nicht nur den Nettogewinn
- Ist es verschuldet? — Debt/Equity-Ratio: unter 0,5 ist gut; über 2,0 ist ein Warnsignal
- Ist die Bewertung vernünftig? — KGV (P/E) unter 20, EV/EBIT unter 15 als grobe Orientierung
- Gibt es einen Burggraben? — Was schützt das Unternehmen vor Wettbewerb?
Value Investing nach Warren Buffett oder der Magic Formula von Joel Greenblatt bedeutet: Aktien kaufen und halten, nicht ständig handeln. Studien zeigen konsistent, dass über 95% aller aktiven Trader — auch professionelle — langfristig schlechter abschneiden als ein einfaches Index-Investment. Langfristiger Vermögensaufbau funktioniert durch Geduld und Disziplin.
Schritt 4: Die richtige Positionsgrösse bestimmen
Einer der häufigsten Anfängerfehler ist das «Alles oder nichts»-Denken.
- Zu klein: 0,1% des Portfolios — du wirst nicht hinschauen, kaum profitieren, und die Transaktionskosten machen einen unverhältnismässig grossen Anteil aus.
- Zu gross: 50% des Portfolios in eine Aktie — ein einzelner Fehler kann dein Depot halbieren.
Meine Faustregel: Erste Position 2–5% des Investitionskapitals. Mit wachsender Überzeugung bis 15% möglich. Maximum 20–25% pro Einzeltitel.
Bei kleineren Depots (unter CHF 100’000–200’000) fahren die meisten Anleger mit ETFs besser. Eine 2%-Position bei einem CHF 50’000-Depot sind CHF 1’000 — der Analyseaufwand steht dazu kaum im Verhältnis. Ich selbst habe erst ab einem deutlich grösseren Depot ernsthaft mit Einzeltiteln begonnen. Der Ansatz aus Set for Life (Affiliate-Link) überzeugt: Zuerst das finanzielle Fundament bauen, dann auf Einzeltitel wechseln.
Schritt 5: Die Order aufgeben — Ordertypen erklärt
Auf der Broker-Oberfläche wirst du nach dem Ordertyp gefragt:
Market Order (Marktorder)
Kaufe sofort zum aktuellen Marktpreis. Vorteil: Sofortige Ausführung. Nachteil: Bei illiquidem Markt kann der Ausführungskurs höher sein als erwartet.
Limit Order (Limitorder) — meine Empfehlung
Kaufe nur, wenn der Preis dein definiertes Maximum erreicht oder unterschreitet. Du kontrollierst den Einstiegspreis. Setze das Limit 0,5–1% über dem aktuellen Kurs für quasi-sofortige Ausführung mit Preisschutz.
Bei liquiden Titeln (Apple, Nestlé, Novartis) kannst du flexibler vorgehen: Entweder nah am aktuellen Kurs kaufen — oder, wenn du erwartest dass der Kurs noch sinkt, eine Limit Order zu deinem Ziel-Kaufkurs platzieren und warten.
Schritt 6: Nach dem Kauf — was jetzt?
Die meisten Anfänger machen nach dem Kauf denselben Fehler: Sie schauen mehrmals täglich auf den Kurs. Das führt zu emotionalen Entscheidungen und voreiligem Verkaufen.
- Kaufgrund dokumentieren: 3–5 Sätze aufschreiben, warum du gekauft hast und bei welchen Ereignissen du verkaufen würdest
- Quartalsberichte verfolgen: Hat sich die These bestätigt?
- Nicht täglich schauen: Monatlicher Check ist ausreichend.
- Verkaufskriterien kennen: Verkaufen wenn die These sich ändert — nicht wenn der Kurs fällt.
Den genauen Titel meiner ersten Aktie weiss ich heute nicht mehr — es ist zu lange her. Aber die Lektionen habe ich nicht vergessen. Damals hatte mein Chef mir eine Aktie empfohlen, die er selbst gekauft hatte. Ich machte es ihm nach. Irgendwann verkaufte er sie mit Gewinn — ohne mir das mitzuteilen. Ich sass noch drin und machte Verlust.
Lektion 1: Verschiedene Investorentypen halten Aktien unterschiedlich lange — was für jemanden ein kurzfristiger Trade ist, muss für dich kein langfristiges Investment sein.
Lektion 2: Immer selbst prüfen, warum man investiert und unter welchen Bedingungen man wieder aussteigt. Niemals blind folgen — auch nicht dem eigenen Chef.
Der Schweizer Steuer-Vorteil: Dein stilles Plus
Kursgewinne auf Einzelaktien sind steuerfrei — für Privatpersonen, die nicht als gewerbsmässige Wertschriftenhändler eingestuft werden.
- Du kaufst eine Aktie für CHF 2’500
- In 5 Jahren ist sie CHF 7’000 wert (+180%)
- Du verkaufst — und zahlst null Einkommenssteuer auf den Gewinn von CHF 4’500
In Deutschland würdest du auf diesen Gewinn ca. CHF 1’185 Abgeltungssteuer (26,375%) bezahlen. Das ist ein struktureller Vorteil, der sich über ein Jahrzehnt auf Hunderttausende CHF summieren kann.
Zusammenfassung
- Broker wählen — spezialisierte Broker schlagen Hausbanken bei den Gebühren deutlich
- Unternehmen verstehen — Jahresbericht lesen, Geschäftsmodell in 3 Sätzen erklären können
- Positionsgrösse definieren — 2–5% des Portfolios für die erste Position
- Limit Order verwenden — immer Kauf-Limit setzen, nicht Market Order
- Kaufgrund dokumentieren — vor dem Kauf aufschreiben, dann nicht täglich schauen
- Steuerbonus nutzen — Kursgewinne in der Schweiz steuerfrei: langer Zeithorizont lohnt sich
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