Deep Value Investing mit Einzelaktien in der Schweiz — Leitfaden für Privatanleger mit Moat-Analyse, Magic Formula und Screening

Zehntausende Aktien. Endlose Kurslisten. Täglich neue Empfehlungen von Analysten, Blogs und Social-Media-Kanälen. Dieser Leitfaden zeigt dir, wie Deep Value Investing mit Einzelaktien in der Schweiz wirklich funktioniert — von der ersten Strategie-Wahl über die Unternehmensanalyse bis zum tatsächlichen Kauf. Mit einem strukturellen Steuervorteil, den die meisten Anleger kaum kennen — und der die Zahlen erheblich verändert.

Was ist Deep Value Investing?

Value Investing bedeutet: Kaufe Unternehmen zu einem Preis, der unter ihrem tatsächlichen inneren Wert liegt. Dann warte, bis der Markt diesen Fehler korrigiert.

Das Konzept geht auf Benjamin Graham zurück — Warren Buffetts Mentor und Autor von «The Intelligent Investor». Graham suchte nach Aktien, die extrem günstig bewertet waren, oft in schwierigen Unternehmen. Buffett verfeinerte den Ansatz: Lieber ein exzellentes Unternehmen zu einem fairen Preis als ein schlechtes zu einem sehr günstigen Preis.

Deep Value Investing geht noch einen Schritt weiter: Es sucht gezielt nach Unternehmen, die temporär aus dem Raster fallen — zu Recht oder zu Unrecht — und bei denen die Differenz zwischen Preis und innerem Wert besonders gross ist.

Die vier Grundprinzipien

  • Margin of Safety: Kaufe nur mit genug Sicherheitspuffer unter dem inneren Wert
  • Langfristiger Zeithorizont: 5–10 Jahre, nicht Monate
  • Eigene Analyse: Verstehe, was du kaufst — nicht was andere empfehlen
  • Geduld: Der Markt korrigiert Fehler — aber auf seinen eigenen Zeitplan

Der Schweizer Vorteil: Warum Einzelaktien steuerlich attraktiv sind

Bevor wir in die Strategien einsteigen: Ein Vorteil, der für Schweizer Privatanleger existenziell wichtig ist und die gesamte Renditerechnung verändert.

Kursgewinne aus Einzelaktien sind in der Schweiz steuerfrei — für Privatpersonen, die nicht als gewerbsmässige Wertschriftenhändler eingestuft werden.

Rechenbeispiel

Du kaufst eine Aktie für CHF 3’000. Sie steigt über 7 Jahre auf CHF 12’000. Beim Verkauf zahlst du in der Schweiz null Einkommenssteuer auf den Gewinn von CHF 9’000. In Deutschland wären das ca. CHF 2’370 Abgeltungssteuer (26,375%). In den USA je nach Einkommensklasse 15–20% Capital Gains Tax. Über ein Jahrzehnt summiert sich dieser Unterschied auf erhebliche Beträge.

Dividenden hingegen sind in der Schweiz mit dem persönlichen Einkommenssteuersatz zu versteuern — dieser Vorteil gilt also ausschliesslich für realisierte Kursgewinne.

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Kursgewinne steuerfrei in der Schweiz: Regel, Ausnahmen und was Privatanleger wissen müssen

Die 4 Werkzeuge des Value-Investors

Es gibt nicht eine richtige Methode. Es gibt verschiedene Ansätze — alle mit denselben Grundprinzipien, aber unterschiedlichen Einstiegspunkten. Die vier, mit denen ich am liebsten arbeite:

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Werkzeug 1 — Qualität

Moat-Analyse: Qualitätsunternehmen erkennen wie Warren Buffett

Warren Buffetts Kernfrage: Warum kann dieses Unternehmen auch in 20 Jahren noch überdurchschnittliche Gewinne erzielen? Seine Antwort ist der wirtschaftliche Burggraben — ein Schutzwall vor Konkurrenz. Fünf Typen: Immaterielle Werte (Marken, Patente), Wechselkosten, Netzwerkeffekte, Kostenvorteile, Effiziente Skalierung.

Das quantitative Signal: ROCE oder ROIC dauerhaft über 15% über 5–10 Jahre ist der stärkste Beweis, dass ein echter Burggraben existiert.

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Werkzeug 2 — Systematisch

Magic Formula nach Joel Greenblatt: Quantitativ screenen

Joel Greenblatt hat in «Die Börsenzauberformel» eine einfache Formel entwickelt: Kaufe Unternehmen, die gleichzeitig hohe Kapitalrendite (Return on Capital = Qualitätsindikator) und hohe Gewinnrendite (Earnings Yield = Bewertungsindikator) aufweisen.

Nur hoher ROC = teures Qualitätsunternehmen. Nur günstige Bewertung = möglicherweise günstig aus gutem Grund. Die Kombination identifiziert, was Value-Investoren suchen: Qualität zu fairen oder günstigen Preisen — systematisch, nicht intuitiv. Im TradingView Screener: ROIC > 15% und EV/EBIT < 15.

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Werkzeug 3 — Kandidaten finden

Value Screening mit TradingView: Aus 100’000 Aktien filtern

Bevor du tief in ein Unternehmen eintauchst, brauchst du einen ersten Filter. Der TradingView Screener — kostenlos, globales Universum inkl. SIX Swiss Exchange — reduziert Zehntausende Aktien auf 20–50 Kandidaten.

Basisfilter: KGV 1–20, KBV unter 3, ROE über 15%, Debt/Equity unter 0,5, Market Cap über 2 Mrd. Wichtig: Unter «Market» auf «Entire World» umstellen und «Primary Listing» aktivieren.

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Werkzeug 4 — Ideen finden

Kloningsstrategie nach Mohnish Pabrai: Von den Besten lernen

«Shameless Cloning» — schamlose Nachahmung. Der Schlüssel: 13F-Filings. Jeder institutionelle US-Investor mit über USD 100 Mio. muss quartalsweise seine Positionen der SEC melden — öffentlich zugänglich auf sec.gov/EDGAR oder auf dataroma.com.

Pabrai klont nicht blind: Jede Idee wird auf Geschäftsmodell-Verständnis, Verschuldung, Margin of Safety und Risiken geprüft. Wichtigster Catch: 45 Tage Verzögerung — du siehst, was ein Investor vor bis zu 4 Monaten gekauft hat.

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Wie die Werkzeuge zusammenspielen: Mein Prozess

In der Praxis nutze ich selten nur ein Werkzeug allein. So sieht mein typischer Prozess aus:

Phase 1

Ideen finden

13F-Filings von Pabrai, Guy Spier, Chuck Akre (quartalsweise) + TradingView-Screening mit Basisfiltern (monatlich, ~30 min)

Phase 2

Erste Qualitätsprüfung

Magic Formula Check: ROIC und EV/EBIT berechnen. Gibt es einen erkennbaren Burggraben? Ein klares Ja reicht zum Weitermachen.

Phase 3

Tiefere Analyse

Jahresbericht lesen. Geschäftsmodell in 3 Sätzen erklären können. 3 grösste Risiken benennen. Grobe Margin of Safety berechnen.

Phase 4

Kaufentscheid

Positionsgrösse 2–15%. Limit Order aufgeben. Kaufgrund in 3–5 Sätzen sofort dokumentieren. Erstes Quartalsergebnis als Prüfpunkt setzen.

Persönliche Erfahrung

Ich nutze diese vier Werkzeuge seit einigen Jahren — beginnend, als mein investierbares Depot rund CHF 200’000–300’000 erreicht hatte und Einzelaktien gegenüber einem reinen ETF-Portfolio strukturell Sinn machten. Am häufigsten starte ich mit der Kloningsstrategie als Ideenquelle und ergänze sie durch den TradingView-Screener als quantitative Gegenkontrolle.

Von der Idee zum Kauf: Die Umsetzung

Strategie ist das eine. Ausführung das andere. Konkrete Schritte für Schweizer Privatanleger:

Einzelaktien oder ETF?

Bevor du in Einzelaktien einsteigst: Einzelaktien erfordern Zeit, Disziplin und ein Depot, das gross genug ist, damit Transaktionskosten und Diversifikation funktionieren. Für kleinere Depots sind kostengünstige ETF-Portfolios oft die klügere Wahl — Einzelaktien entfalten ihren strukturellen Vorteil erst ab einer gewissen Depotgrösse.

→ Ab welcher Depotgrösse Einzelaktien sinnvoll sind, wie viel Zeitaufwand du einplanen musst und wie du deine erste Position dimensionierst: Erste Einzelaktie kaufen in der Schweiz

Broker wählen: Interactive Brokers, Swissquote oder Saxo Bank — nicht die Hausbank. Schweizer Retailbanken verlangen 5–10× höhere Transaktionsgebühren als spezialisierte Online-Broker. Dieser Unterschied summiert sich über Jahre massiv.

Ordertypen: Immer Limit Order — du kontrollierst den Einstiegspreis und schützt dich vor schlechten Ausführungen bei illiquiden Titeln. Limit 0,5–1% über aktuellem Kurs für quasi-sofortige Ausführung mit Preisschutz.

Nach dem Kauf: Kaufgrund sofort dokumentieren. Quartalsberichte verfolgen. Nicht täglich auf den Kurs schauen — monatlicher Check ist ausreichend.

Verkaufsentscheid: Nicht wenn der Kurs fällt — sondern wenn sich die ursprüngliche Investment-These fundamental verändert hat.

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Die 5 häufigsten Fehler beim Einstieg in Einzelaktien

  • Zu früh, zu gross: Erste Position als 20–30% des Depots. Geht schief, du verlierst Vertrauen und steigst aus. Besser: 2–5% für die erste Position.
  • Keine eigene These: «Mein Kollege hat die empfohlen.» Kein eigenes Verständnis = kein Verkaufskriterium. Du entscheidest dann emotional.
  • Zu komplexe Unternehmen: Wenn du das Geschäftsmodell nach 30 Minuten Lektüre nicht verstehst, lege die Idee beiseite. Komplexität ist ein Warnsignal, kein Qualitätsmerkmal.
  • Zu häufiger Handel: Jede Transaktion kostet. Mehr Handel = schlechtere Rendite. Buffetts Lieblingshalteperiode ist «für immer» — nicht ohne Grund.
  • Dividenden-Fokus statt Gesamtrendite: Dividenden sind steuerpflichtig, Kursgewinne nicht. Unternehmen, die ihr Kapital reinvestieren, sind für Schweizer steuerlich oft erheblich attraktiver.

Alle Artikel zu diesem Thema

Dieser Leitfaden gibt dir den strategischen Überblick. Das Detailwissen findest du in den einzelnen Detail-Artikeln:

Zusammenfassung

Das Wichtigste auf einen Blick
  • Deep Value Investing sucht Unternehmen mit grosser Differenz zwischen Preis und innerem Wert — mit langfristigem Zeithorizont
  • Schweizer Privatanleger profitieren von steuerfreien Kursgewinnen — ein struktureller Vorteil, der sich über Jahre auf erhebliche Beträge summiert
  • 4 Werkzeuge: Moat-Analyse (Qualität erkennen), Magic Formula (quantitativ screenen), TradingView-Screening (Kandidaten finden), Kloningsstrategie (von den Besten lernen)
  • Der Prozess: Ideen finden → Qualität prüfen → Jahresbericht lesen → kaufen und dokumentieren
  • Häufigste Fehler: Zu gross starten, keine eigene These, zu komplexe Unternehmen, zu häufiger Handel, Dividenden übergewichten
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