Was ist Inflation? Einfach erklärt in 6 Minuten
Wie der LIK gemessen wird, warum 2022 und 2025 so unterschiedlich ausfielen — und warum „tief“ nicht „null“ heisst.
Was ist Inflation? Kurz gesagt: der Prozess, bei dem das allgemeine Preisniveau steigt — und dieselbe Geldmenge dadurch weniger Waren und Dienstleistungen kauft als vorher. Nicht ein einzelner Artikel wird teurer. Der ganze Warenkorb tut es, im Durchschnitt.
Das klingt banal, bis man es im eigenen Alltag spürt — nicht als abstrakte Prozentzahl, sondern ganz konkret. Mir fällt die Inflation jedes Jahr bei der Krankenkassenprämie auf. Oder wenn wir den Dauerauftrag für unser gemeinsames Haushaltskonto wieder einmal erhöhen müssen, weil der Betrag, den wir für Lebensmittel und Haushaltsartikel eingeplant hatten, plötzlich nicht mehr reicht. 2026 war das besonders deutlich bei den Dieselpreisen zu spüren.
Was ist Inflation genau? Wie die Schweiz sie misst — der LIK
In der Schweiz wird die Inflationsrate über den Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) gemessen, erhoben vom Bundesamt für Statistik (BFS). Der LIK verfolgt monatlich die Preisentwicklung eines repräsentativen „Warenkorbs“ — Miete, Lebensmittel, Energie, Gesundheit, Freizeit und mehr — gewichtet nach dem tatsächlichen Ausgabeverhalten Schweizer Haushalte.
Die Inflationsrate ist die prozentuale Veränderung dieses Index gegenüber dem Vorjahresmonat. Steigt der LIK um 0.8%, bedeutet das: Ein durchschnittlicher Warenkorb, der vor 12 Monaten CHF 1’000 kostete, kostet heute CHF 1’008.
Der LIK ist ein Durchschnittswert über alle Haushaltstypen. Wer viel Miete zahlt oder häufig auswärts isst, spürt Preissteigerungen in diesen Kategorien stärker als der Durchschnitt zeigt. Das ist kein Fehler in der Statistik — sondern der Unterschied zwischen einem Aggregat und deinem persönlichen Warenkorb.
Ist der Warenkorb wirklich repräsentativ? Teilweise — aber nicht im Sinne von „jede Kategorie zählt gleich viel“. Der LIK ist nach tatsächlichem Ausgabeverhalten gewichtet (erhoben über die Haushaltsbudgeterhebung HABE), nicht nach subjektiver Wichtigkeit.
2026 macht „Wohnen und Energie“ rund 25.6% des Warenkorbs aus, „Gesundheit“ rund 17.4%, „Verkehr“ rund 10.7%, „Nahrungsmittel“ rund 10.3% — zusammen rund 64% des gesamten Index, also fast zwei Drittel. „Information und Kommunikation“, worunter auch Elektronik wie TV-Geräte fällt, macht dagegen nur rund 3.3% aus. Elektronik wird zwar über sogenannte hedonische Qualitätsanpassungen tatsächlich günstiger gerechnet, wenn sich die Leistung verbessert — aber das Gewicht dieser Kategorie ist schlicht zu klein, um den Gesamtindex massgeblich nach unten zu ziehen. Die grössten Posten im Warenkorb sind genau jene, die man am wenigsten steuern oder vermeiden kann: Wohnen, Gesundheit, Verkehr, Nahrungsmittel.
Wie Inflation entsteht — zwei Grundmuster
Vereinfacht unterscheidet man zwei Treiber:
- Nachfrageinflation: Die Nachfrage nach Gütern übersteigt das Angebot — zu viel Geld jagt zu wenige Waren. Typisch in Boomphasen oder nach starken Konjunkturprogrammen.
- Angebotsinflation (Kosteninflation): Produktionskosten steigen — Energie, Rohstoffe, Löhne — und werden an Konsumenten weitergegeben, unabhängig von der Nachfrage. Der Energiepreisschock nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs 2022 ist ein Lehrbuchbeispiel — ebenso der Iran-Konflikt 2026: Nach Luftangriffen der USA und Israels auf den Iran blockierte dieser ab Ende Februar 2026 weitgehend die Strasse von Hormuz, durch die rund ein Fünftel der weltweiten Ölproduktion und ein Viertel des globalen LNG-Handels transportiert wird. Die Ölpreise stiegen in der Folge auf fast USD 100 pro Barrel, der europäische Gaspreis verdoppelte sich nahezu.
In der Praxis wirken meist beide Effekte gleichzeitig, mit wechselnder Gewichtung.
Abgrenzung: Deflation und Kerninflation
Deflation ist das Gegenteil: ein anhaltender Rückgang des allgemeinen Preisniveaus. Das klingt zunächst gut für Sparer, ist volkswirtschaftlich aber problematisch — Konsumenten verschieben Käufe in der Erwartung noch tieferer Preise, was die Wirtschaft abwürgen kann. Genau deshalb strebt die SNB nicht 0% Inflation an, sondern ein Band von 0–2%.
Disinflation wird oft mit Deflation verwechselt, meint aber etwas anderes: Die Inflationsrate sinkt, bleibt aber positiv — die Preise steigen also weiterhin, nur langsamer als zuvor. Der Rückgang der Schweizer Jahresteuerung von 2.8% (2022) auf 0.2% (2025, siehe Tabelle unten) ist ein Beispiel für Disinflation, nicht für Deflation: Die Preise sind in dieser Zeit nicht gefallen, sie sind nur weniger schnell gestiegen.
Kerninflation klammert besonders volatile Positionen aus dem Index aus — die SNB definiert sie als LIK ohne Nahrungsmittel, Getränke, Tabak, Saisonprodukte, Energie und Treibstoffe. Sie zeigt den zugrundeliegenden, strukturellen Preistrend, ohne dass ein einzelner Ölpreisschock die Zahl verzerrt.
Wichtig für das Verständnis: Der LIK selbst misst immer die Gesamtinflation — alle Kategorien, ungefiltert. Die Kerninflation ist keine eigene Erhebung, sondern eine abgeleitete Kennzahl, die aus denselben LIK-Daten berechnet wird, indem bestimmte Positionen herausgerechnet werden. SNB und BFS veröffentlichen beide Werte parallel, nicht als Ersatz füreinander.
Dass Energie und frische Lebensmittel aus der Kerninflation ausgeschlossen werden, ändert nichts daran, dass du sie im Alltag bezahlen musst. Die Kerninflation ist ein Analysewerkzeug für Zentralbanken, um den strukturellen Trend von kurzfristigem Rauschen zu trennen — keine Aussage darüber, wie stark dein persönlicher Haushalt die Teuerung spürt. Das gilt besonders, wenn Löhne nicht im gleichen Tempo angepasst werden wie die Lebenshaltungskosten. Richtungsweisend zeigt sich das 2022: Weil der Energiepreisschock nach Kriegsausbruch vor allem Positionen traf, die in der Kerninflation ausgeklammert sind, lag diese spürbar unter der Gesamtinflation von 2.8% — während viele Haushalte genau diese Energiekosten voll zu spüren bekamen.
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Die Schweizer Inflation im historischen Rückblick
Was ist Inflation in der Schweiz über die letzten Jahre konkret gewesen? Die offiziellen BFS-Jahreswerte geben die Antwort:
| Jahr | Jahresteuerung (LIK, BFS) |
|---|---|
| 2020 | −0.7% |
| 2021 | +0.6% |
| 2022 | +2.8% |
| 2023 | +2.1% |
| 2024 | +1.1% |
| 2025 | +0.2% |
Offizielle BFS-Jahresdurchschnittswerte („Jahresteuerung“) — nicht zu verwechseln mit der Dezember-zu-Dezember-Veränderung, die teils stark abweicht. Zur Kerninflation (SNB) gibt es keine einheitlich zugängliche Jahresreihe — öffentliche Sekundärquellen zeigen hier teils widersprüchliche Werte. Für exakte Jahreswerte das SNB-Datenportal (data.snb.ch) konsultieren.
Zum Vergleich: Die durchschnittliche Schweizer Inflationsrate lag von 1956 bis 2026 bei rund 2.25% pro Jahr — mit einem Höchststand von 11.9% im Dezember 1973 (Ölkrise) und einem Tiefststand von −1.4% im Juni 1959. Im internationalen Vergleich der letzten 126 Jahre gehört die Schweiz mit einer Durchschnittsinflation von rund 2.1% p.a. zu den Ländern mit der tiefsten Teuerung weltweit — ein struktureller Vorteil, der eng mit der Stabilität des Frankens zusammenhängt.
Die Teuerung ist im September 2026 weiter auf 1.0% gestiegen — von 0.8% im August, der höchste Stand seit zwei Jahren. Der LIK selbst blieb gegenüber dem Vormonat unverändert bei 101.5 Punkten (Basis Dezember 2025 = 100); der Anstieg ist also ein reiner Jahresvergleichs-Effekt.
Haupttreiber waren höhere Preise für Heizöl, Benzin und Diesel — ein direkter Nachhall des Angebotsschocks rund um die Strasse von Hormuz (siehe oben). Gegenläufig wirkten tiefere Preise für Pauschalreisen ins Ausland, Autovermietung/-Sharing und Hotellerie. Die Kerninflation (ohne Nahrungsmittel, Getränke, Tabak, Saisonprodukte, Energie und Treibstoffe) stieg nur leicht auf 0.5% — publiziert vom BFS am 1. Oktober 2026. Auch bei insgesamt tiefer Inflation gibt es innerhalb eines Jahres spürbare Ausschläge — Werte wie diesen unmittelbar vor Publikation gegen die aktuelle BFS-Meldung prüfen.
Warum das für dich als Sparer/Investor relevant ist
Was ist Inflation auf lange Sicht wert zu wissen? Mehr, als die meisten ahnen. Eine tiefe, stabile Inflation wie in der Schweiz fühlt sich harmlos an — bis man sie über Jahrzehnte statt über ein Jahr betrachtet. Selbst bei den vergleichsweise milden Werten von 2020–2025 summierte sich die kumulierte Teuerung auf rund 6%. Wer sein Geld in diesem Zeitraum unverzinst auf dem Konto liegen liess, hat real entsprechend weniger Kaufkraft übrig — auch ohne eine einzige Krise wie 2022 in Deutschland (dort real deutlich schärfer, mit Spitzenwerten um 8%).
Fazit
Was ist Inflation also zusammengefasst? Kein abstraktes Konzept aus den Wirtschaftsnachrichten, sondern eine messbare, monatlich erhobene Grösse — der LIK des BFS. Die Schweiz gehört mit einer historischen Durchschnittsinflation von rund 2.1–2.25% p.a. zu den stabilsten Währungsräumen der Welt. Trotzdem ist „tief“ nicht „null“: Auch bei 0.5–1% pro Jahr verlierst du über Jahrzehnte spürbar an Kaufkraft, wenn dein Geld nicht mindestens im gleichen Tempo wächst wie die Teuerung. Damit ist Inflation einfach erklärt — ohne Fachchinesisch, dafür mit den Zahlen, die für deinen Alltag zählen.
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Weiterführende Quellen
- BFS — Landesindex der Konsumentenpreise (LIK)
- BFS — Landesindex der Konsumentenpreise im September 2026
- swissinfo — Inflation klettert im August auf 0.8 Prozent
- BFS — Durchschnittliche Jahresteuerung von +2,1% im Jahr 2023
- BFS — Durchschnittliche Jahresteuerung von +2,8% im Jahr 2022
- BFS — Durchschnittliche Jahresteuerung von +0,6% im Jahr 2021
- SRF — Inflation 2025 auf tiefstem Stand seit fünf Jahren
- SRF — Teuerung in der Schweiz: Inflation 2024 klar gesunken
- BFS — Warenkorb und Gewichtung des LIK
- SNB — Quartalsheft 1/2026 (Kerninflation)
- t-online — Strasse von Hormus: Iran sperrt die Meerenge
Alle Artikel dieser Serie
| Artikel | Thema |
|---|---|
| Inflation, Sparen & Vermögenspreise: Was mit deinem Geld wirklich passiert | Pillar — Überblick über alle 5 Wirkungskanäle |
| Was ist Inflation? Einfach erklärt (dieser Artikel) | Definition, LIK-Messung, historische CH-Werte |
| SNB-Inflationsziel & Leitzins: Wie die Nationalbank steuert (erscheint demnächst) | Transmissionskette, Negativzins-Historie, Devisenmarkt |
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