Start- und Zielbereich des Arosa Trailrun AT54 am Vorabend des Rennens — Arosa mit Bergpanorama

Kilometer 28 von 54. Mitten in einem langen Aufstieg am Arosa Trailrun AT54. Die Beine sind schwer — das wäre noch zu verkraften. Das eigentliche Problem: Mein Magen streikt. Ich kann keine Nahrung mehr zu mir nehmen. Der Körper läuft auf Reserve, das Ziel liegt noch endlos weit, und ein inneres Nein wird lauter mit jedem Schritt.

Was ich tat: Ich dachte nicht ans Ziel. Ich dachte nur an die nächste Verpflegungsstation. Dann an die übernächste. Dann die nächste Kurve. Kilometer für Kilometer, Posten für Posten — bis irgendwann, fast unmerklich, die Wende kam. Der Körper fand einen Rhythmus. Was sich wie ein unlösbares Problem angefühlt hatte, löste sich auf. Ich kam regelrecht in ein Hoch.

Genau das ist die wichtigste Lektion, die mir das Trailrunning für mein Depot beigebracht hat: Geduld beim Investieren ist keine Theorie. Sie ist eine Praxis — und du übst sie am besten unter Druck. Auch im Depot gibt es Durststrecken, in denen nichts vorwärts zu gehen scheint. Wer den Plan trotzdem nicht verlässt, erlebt oft genau diesen Moment: Den Rückenwind, der wie aus dem Nichts kommt.


Warum Geduld beim Investieren seltener ist als Börsenwissen

Die meisten Anleger haben kein Wissensproblem. Sie kennen die 4%-Regel. Buffett haben sie gelesen. Sie wissen, dass langfristiges Denken funktioniert.

Dennoch verkaufen sie bei −20% Kursrückgang. Deshalb kaufen sie nach dem stärksten Anstieg nach. Daher hinkt ihr Portfolio dem Markt hinterher — obwohl sie theoretisch alles richtig machen.

Das Problem ist nicht Unwissen. Das Problem ist Ungeduld.

Daniel Kahneman, Nobelpreisträger und Begründer der Verhaltensökonomie, hat gezeigt: Das menschliche Gehirn ist nicht für langfristiges Denken gebaut. Es reagiert auf Schmerz sofort. Es sucht kurzfristige Belohnung. Am Tiefpunkt eines Börsencrashs fühlt sich Verkaufen intuitiv richtig an — obwohl es das Falscheste ist, was du tun kannst.

Geduld beim Investieren ist deshalb keine passive Eigenschaft. Es ist aktive Arbeit gegen deine eigene Biologie.


Die Trail-Lektion: Prozess statt Resultat

Gute Trailläufer denken nicht in Zielen. Sie denken in Prozessen.

Die entscheidende Frage lautet nicht: «Schaffe ich es ins Ziel?» Die Frage lautet: «Laufe ich gerade im richtigen Tempo?»

Das klingt banal. Wer es je umgesetzt hat, weiss: Es ist schwerer als es klingt.

Genauso beim Investieren. Wer jeden Monat fragt «Bin ich dem FIRE-Ziel näher?», frustriert sich regelmässig. Wer stattdessen fragt «Habe ich meinen Investmentplan eingehalten?», bleibt gelassener — und trifft bessere Entscheidungen.

James Clear formuliert es in Atomic Habits (Affiliate-Link — kleine Provision für mich, ohne Mehrkosten für dich) präzise: Du wirst nicht zu dem, was du dir vornimmst. Du wirst zu dem, was du regelmässig tust.

Für den Vermögensaufbau bedeutet das: Der monatliche Dauerauftrag ist wichtiger als die Markteinschätzung. Die Investitionsdisziplin in schlechten Monaten schlägt die Wahl des perfekten ETFs. Und die Fähigkeit, bei −20% nichts zu tun, bringt mehr als jede ausgeklügelte Anlagestrategie.

Konkret

Dein Depot wächst zwei Jahre kaum. Hast du deine Sparrate eingehalten? Hast du deinen Plan nicht verlassen? Dann läuft es gut — auch wenn es sich nicht so anfühlt.


Wenn der Markt bergab läuft: Was ein Ultratrail über Krisen lehrt

Jeder Ultratrail hat seinen Low Point. Den Moment, in dem der Körper Nein sagt und der Kopf zweifelt. Erfahrene Läufer wissen: Dieser Moment kommt. Er geht auch wieder vorbei.

An den Finanzmärkten heisst der Low Point «Korrektur», «Crash» oder «Bärenmarkt». Er kommt ebenfalls regelmässig. Historisch betrachtet: alle 5–7 Jahre ein schwerer Einbruch, zeitweise −30% bis −50% des Depotwertes.

Das ist kein Risiko. Das ist der Plan.

Wer das vor dem Kauf weiss, ist nicht überrascht — er ist vorbereitet. Die Frage ist nicht ob dein Depot mal um 30% fällt. Die Frage ist: Was tust du in diesem Moment?

Wer bereits im Voraus entschieden hat «Ich tue nichts ausser nachzukaufen wenn möglich» — der hat die wichtigste Hausaufgabe erledigt. Nicht die Aktienauswahl. Nicht die Allokation. Die mentale Vorbereitung auf Schmerz.

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Drei konkrete Geduld-Praktiken für deinen Vermögensaufbau

Geduld lässt sich nicht einfach beschliessen. Aber sie lässt sich durch Gewohnheiten und Systeme unterstützen. Drei Praktiken, die ich selbst nutze:

1

Das Investment-Tagebuch

Schreib beim Kauf jeder Position in drei Sätzen auf: Was kaufe ich? Warum kaufe ich es? Was müsste passieren, damit diese These falsch wird?

Wenn der Kurs fällt, lese diese drei Sätze — nicht den aktuellen Börsenkurs. Hat sich die ursprüngliche These verändert? Nein? Dann ist nichts zu tun.

2

Der Frequenz-Trick

Studien zeigen: Anleger, die täglich ihr Depot prüfen, handeln öfter und erzielen schlechtere Renditen. Der Mechanismus ist einfach — mehr Beobachtung führt zu mehr emotionalen Reaktionen.

Die Lösung: ein monatlicher Depot-Check, 30 Minuten. Kein tägliches Kurschauen. Dein Depot braucht nicht täglich Aufmerksamkeit — dein Verstand schon, aber in eine andere Richtung.

Dass weniger oft mehr ist, gilt auch für die Grössten der Branche: Warren Buffett gibt seinen Aktionären nur einmal im Jahr — am Shareholder-Meeting — ausführlich Auskunft zu Einzelpositionen und Investitionsentscheiden. Nicht weil er keine Antworten hätte. Sondern weil er weiss: Kursentwicklung braucht Zeit. Ein neuer CEO zeigt keine Wirkung ab Tag eins — manchmal erst nach Jahren. Wer trotzdem monatlich kommentiert und interpretiert, schafft mehr Rauschen als Signal.

3

Der Pre-Mortem-Test vor jedem Kauf

Bevor du kaufst, stelle dir vor: Es ist in drei Jahren, und diese Position hat sich halbiert. Was sind die drei plausibelsten Gründe dafür?

Kaufst du danach immer noch? Dann mit echter Überzeugung. Wenn nicht — warte. Diese Übung bremst Impulsivität und stärkt langfristiges Denken.


Das Wichtigste auf einen Blick
  • Geduld beim Investieren ist keine passive Eigenschaft — sie erfordert aktives Systemdenken
  • Prozessdenken («Habe ich meinen Plan eingehalten?») schlägt Ergebnisdenken («Bin ich am Ziel?»)
  • Börsenkorrekturen sind vorhersehbar — mentale Vorbereitung ist der echte Schutz
  • Drei Praktiken: Investment-Tagebuch, monatlicher Depot-Check, Pre-Mortem-Test vor dem Kauf

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