Abstrakte Lupe auf Finanzdaten — Confirmation Bias und Bestätigungsfehler beim Investieren

Du hast eine Aktie analysiert. Fünf Artikel gelesen — alle bullisch. Drei Analysten-Reports geprüft — alle mit Kaufempfehlung. Das Ergebnis: Du bist überzeugt.

Was du wahrscheinlich nicht getan hast: gezielt nach Gegenargumenten gesucht. Aktiv nach dem schlechtesten Fall gefragt. Jemanden gebeten, deine These zu widerlegen. Das ist Confirmation Bias — auf Deutsch: Bestätigungsfehler. Du suchst nicht nach Wahrheit. Du suchst nach Bestätigung.


Was Confirmation Bias (Bestätigungsfehler) bedeutet

Confirmation Bias ist die Tendenz, Informationen bevorzugt wahrzunehmen, zu suchen und zu erinnern, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen — und Gegenargumente systematisch auszublenden.

Der Kognitionspsychologe Peter Wason hat das bereits 1960 experimentell belegt — mit einem Test, der so einfach wie entlarvend ist.

Der Wason-Test — versuch es selbst

Du siehst diese Zahlenfolge:

2  —  4  —  6

Deine Aufgabe: Finde die Regel dahinter. Du darfst eigene Dreierfolgen vorschlagen — und bekommst als Antwort Ja oder Nein.

Die meisten Menschen schlagen vor: 8 – 10 – 12. Ja. Dann: 20 – 22 – 24. Ja. Dann: 100 – 102 – 104. Ja.

Schlussfolgerung: «Die Regel lautet: drei aufsteigende gerade Zahlen mit Abstand 2.»

Falsch. Die Regel lautet: drei aufsteigende Zahlen. Das ist alles. Auch 7 – 300 – 8’000 würde passen. Kaum jemand schlägt solche Folgen vor — weil wir fast ausschliesslich Hypothesen testen, die unsere ursprüngliche Annahme bestätigen. Gegenbeispiele suchen wir von uns aus nicht.

Beim Investieren hat Confirmation Bias eine besondere Sprengkraft. Denn hier sind die Konsequenzen von falschen Überzeugungen direkt messbar — in Franken.


Wie Confirmation Bias beim Investieren konkret aussieht

Du liest nur, was du hören willst

Du hast eine bullische These für Unternehmen X. Deshalb liest du bullische Artikel über Unternehmen X. Bearishe Berichte scrollen vorbei. Kritische Stimmen erscheinen als «Panikmache».

Das Ergebnis: Dein Informationsbild ist systematisch einseitig — und du merkst es nicht, weil du das Gefühl intensiver Recherche hast.

Soziale Medien verstärken diesen Effekt massiv. Algorithmen zeigen dir, was du bereits konsumierst. Wer einmal bullisch über Biotech-Aktien postet und einen bullischen Artikel liest, wird in einer bullischen Biotech-Bubble gehalten.

Du gewichtest Risikosignale herunter

Dein Lieblingsunternehmen veröffentlicht einen schwächeren Quartalsbericht. Der CFO verlässt das Unternehmen. Der Wettbewerber gewinnt einen wichtigen Kunden.

Du findest Erklärungen. «Saisonales Muster.» «Persönliche Gründe.» «Der Wettbewerber hat den Kunden nur wegen des Preises.»

Vielleicht stimmst du. Vielleicht liegst du falsch. Entscheidend: Wärst du bei einem Unternehmen, das du nicht hältst, ebenso grosszügig mit Erklärungen?

Du hältst Positionen ohne Prüfung der ursprünglichen These

Eine Position hat -25% verloren. Dein erster Gedanke: «Der Markt irrt sich — bald erholt sie sich.» Die ursprüngliche Investitionsthese prüfst du nicht neu.

Gründliche Anleger stellen sich eine andere Frage: Hat sich das verändert, weswegen ich damals gekauft habe? Wenn nein: Halten. Wenn ja: Verkaufen — unabhängig vom Kaufpreis.

Bei Schweizer Anlegern kommt ein weiterer Faktor dazu: Die Kursgewinnsteuerfreiheit kann als Rationalisierung für zu langes Halten dienen — obwohl das mit dem inneren Wert des Unternehmens nichts zu tun hat.

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Die Pre-Mortem-Methode: Confirmation Bias aktiv durchbrechen

Gary Klein, amerikanischer Kognitionspsychologe, hat die Pre-Mortem-Technik entwickelt. Ich bin während der Recherche zu diesem Artikel darauf gestossen — und halte sie für das wirkungsvollste Gegenmittel gegen Confirmation Bias, das ich kenne. Selbst angewendet habe ich sie noch nicht. Aber ich nehme mir vor, das zu ändern.

So funktioniert die Pre-Mortem-Methode

Stell dir vor, es ist in drei Jahren. Die Position hat sich halbiert. Schreib jetzt — vor dem Kauf — die drei plausibelsten Gründe auf, warum das eingetreten ist.

Das ist schwieriger als es klingt. Dein Gehirn will die Position kaufen. Die Übung zwingt dich, aktiv dagegen zu denken.

Konkret: Nicht «der Kurs könnte fallen», sondern «der wichtigste Grosskunde wandert zum Wettbewerber, weil dessen Produkt seit diesem Quartal billiger und besser ist».

Im normalen Planungsprozess suchen wir nach Erfolgsgründen. Die Pre-Mortem-Methode dreht das um. Sie aktiviert Kreativität für Risiken statt für Chancen — genau dort, wo Confirmation Bias uns blind macht.


Pabrais Checkliste: Schutz durch strukturierten Prozess

Mohnish Pabrai nutzt eine schriftliche Checkliste vor jedem Investment. Darauf steht unter anderem die Frage: «Was sind die zwei oder drei stärksten Argumente gegen diese Position?»

Nicht als Pflichtübung. Als Schutzwall gegen den eigenen Bestätigungsfehler.

Wenn du gezwungen bist, Gegenargumente schriftlich zu formulieren, passieren zwei Dinge. Erstens erkennst du Argumente, die du vorher weggeblendet hast. Zweitens musst du sie widerlegen — mit Substanz, nicht mit Wunschdenken.

Die einfache Eigenversion

Bevor du kaufst, schreib auf einem Blatt Papier oben links «Warum ich kaufe» und oben rechts «Warum das falsch sein könnte». Beide Spalten müssen mindestens drei Punkte haben. Wenn dir für die rechte Spalte nichts einfällt, hast du noch nicht genug nachgedacht.


Das Wichtigste auf einen Blick

  • Confirmation Bias lässt uns Informationen suchen, die unsere Überzeugungen bestätigen — und Gegenargumente ignorieren
  • Beim Investieren führt das zu einseitiger Analyse, heruntergewichteten Risiken und zu langen Haltephasen
  • Für Schweizer Anleger besonders relevant: Die Kursgewinnsteuerfreiheit wird leicht zur Rationalisierung für zu langes Halten
  • Gegenmittel 1: Pre-Mortem-Methode — schreib vor dem Kauf auf, warum die Position scheitern könnte
  • Gegenmittel 2: Strukturierte Checkliste mit Pflichtfragen zu Gegenargumenten (Pabrai-Ansatz)
Keine Anlageberatung. Ich teile meine persönliche Meinung und wie ich selbst über Finanzen denke. Die Inhalte dienen ausschliesslich der allgemeinen Information und Bildung. Triff eigene Entscheidungen und konsultiere bei Bedarf einen Treuhänder oder Steuerberater.