Magic Formula Investing nach Joel Greenblatt – Börsenzauberformel mit ROC und Earnings Yield erklärt

Joel Greenblatt hat bewiesen, dass ein einfacher mathematischer Filter — angewendet auf ein breites Aktienuniversum, jährlich rebalanciert — langfristig den Markt schlägt. Die Formel misst zwei Dinge: Ist das Unternehmen gut? Ist es günstig? Wer beides zusammen kauft, gewinnt.

1991 veröffentlichte Greenblatt sein Buch «You Can Be a Stock Market Genius». Der Titel klingt nach Clickbait. Der Inhalt ist es nicht. Greenblatt, Mitgründer des Hedgefonds Gotham Capital, dokumentiert darin, wie er durch sogenannte «Special Situations» aussergewöhnliche Renditen erzielte. Sein bekanntester Beitrag zur Investmentwelt folgte aber später: Die Magic Formula — auf Deutsch: Die Börsenzauberformel.

Warum das funktioniert — und wie du es als Schweizer Anleger praktisch umsetzen kannst — erkläre ich in diesem Artikel.

Was die Magic Formula wirklich misst

Die Magic Formula kombiniert zwei Kennzahlen. Jede alleine ist wertvoll. Erst die Kombination macht sie zur Strategie.

1. Return on Capital (ROC) — Kapitalrendite

Was es misst: Wie effizient nutzt ein Unternehmen sein eingesetztes Kapital, um Gewinne zu erzielen?

Formel
ROC = EBIT ÷ (Netto-Anlagevermögen + Netto-Umlaufvermögen)

EBIT = Gewinn vor Zinsen und Steuern — eliminiert den Einfluss der Kapitalstruktur und des Steuersatzes

Ein Unternehmen mit einem ROC von 30% verdient CHF 30 für jedes eingesetzte CHF 100. Ein Unternehmen mit 5% verdient CHF 5. Ein dauerhaft hoher ROC ist das quantitative Zeichen eines wirtschaftlichen Burggrabens — Pricing Power, Netzwerkeffekte, starke Marken.

2. Earnings Yield — Gewinnrendite

Was es misst: Wie viel Gewinn erzeugt das Unternehmen relativ zu seinem wahren Gesamtpreis?

Formel
Earnings Yield = EBIT ÷ Enterprise Value (EV)

EV = Marktkapitalisierung + Nettoverschuldung — der Gesamtpreis, den du für das Unternehmen zahlen würdest

Warum EV statt Marktkapitalisierung? Stell dir zwei Unternehmen vor. Unternehmen A hat einen Börsenwert von CHF 100 Mio., aber CHF 200 Mio. Schulden — sein EV beträgt CHF 300 Mio. Unternehmen B hat einen Börsenwert von CHF 200 Mio. und keine Schulden — sein EV beträgt CHF 200 Mio. Obwohl A den tieferen Börsenwert hat, musst du für A insgesamt CHF 100 Mio. mehr bezahlen, weil du die Schulden mitübernimmst. Nur der EV zeigt den wahren Preis.

Earnings Yield Interpretation
Unter 4%Teuer — vergleichbar mit Obligationen-Rendite
4–8%Fair bewertet
8–15%Günstig — mögliche Value-Aktie
Über 15%Sehr günstig — oder fundamentales Problem

Die Kombination: Warum 1 + 1 = 3

Beide Kennzahlen alleine sind wertvoll — aber gefährlich:

  • Nur hoher ROC: Das Unternehmen ist exzellent — aber vielleicht schon zu teuer eingepreist
  • Nur hohe Earnings Yield: Das Unternehmen ist günstig — aber vielleicht zu Recht, weil es schlechte Kapitalrenditen erzielt

Die Kombination identifiziert das, was Value-Investoren suchen: Qualitätsunternehmen zu einem günstigen Preis — systematisch, nicht intuitiv.

Greenblatts Backtest

Greenblatts publizierte Backtests (US-Aktien, 1988–2004) zeigen eine klare Outperformance gegenüber dem S&P 500. Seit breiter Bekanntheit der Formel ist die Überrendite umstrittener — der zugrunde liegende Qualitäts-/Value-Effekt bleibt jedoch langfristig robust. Zahlen immer selbst verifizieren, bevor Erwartungen gesetzt werden.

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Die Formel in der Praxis: Wie du sie anwendest

Die Logik ist auf modernen Screener-Plattformen gut replizierbar. Ich nutze TradingView als primären Screener, weil er das grösste globale Aktienuniversum abdeckt und kostenlos zugänglich ist. Eine vollständige Schritt-für-Schritt-Anleitung mit konkreten Filtereinstellungen findest du im Artikel zur TradingView-Screening-Methode.

1

Aktienuniversum wählen — global oder Schweiz

Im TradingView Screener wählst du das Universum oben links über den «Market»-Filter: «All» für ein globales Universum (empfohlen — maximale Trefferquote) oder «Switzerland» für ausschliesslich Schweizer Aktien. Das globale Universum liefert deutlich mehr Kandidaten; das Schweizer Universum ist überschaubar und eignet sich, wenn du mit heimischen Firmen und ihrer Berichterstattung vertraut bist. Beachte: Der Börsensitz sagt wenig darüber aus, wo ein Unternehmen seinen Umsatz macht — viele Schweizer Blue Chips sind global tätig.

2

Kennzahlen im TradingView Screener filtern

Im TradingView Stock Screener unter «Fundamentals» folgende Filter setzen: ROIC > 15% (Kapitalrendite als Qualitätssignal) und EV/EBIT < 15 (entspricht Earnings Yield > 6,7% — als Bewertungssignal). Je tiefer EV/EBIT, desto günstiger.

3

Branchen ausschliessen

Die Magic Formula funktioniert nicht bei Finanzunternehmen (Banken, Versicherungen) und Immobiliengesellschaften — deren Bilanzen sind anders strukturiert, die Kennzahlen nicht vergleichbar. Diese konsequent über den «Sector»-Filter ausschliessen.

4

Kombinierte Rangliste erstellen

Rang jedes Unternehmen nach ROIC (höchste = Rang 1) und nach Earnings Yield (höchste = Rang 1). Addiere die zwei Ränge. Unternehmen mit dem tiefsten Gesamtrang oben — das sind die Magic-Formula-Kandidaten.

5

Top-Kandidaten qualitativ analysieren

Die Formel ist ein Filter, kein Kaufsignal. Die Top-20 Kandidaten qualitativ prüfen: Versteht man das Geschäftsmodell? Gibt es erkennbare Gründe für die günstige Bewertung? Ist die tiefe Bewertung temporär oder strukturell?

Greenblatts Methode: Jährliches Rebalancing

Greenblatts ursprüngliche Strategie (beschrieben in «The Little Book That Beats the Market» (Affiliate-Link)) ist konkret: Kaufe 20–30 top-gerankte Aktien, halte sie genau ein Jahr, dann verkaufe und ersetze mit der neuen Top-Liste. Wiederhole jährlich.

Der Einjahres-Rhythmus hat im US-Kontext steuerliche Gründe (günstigere Langfristbesteuerung nach 12 Monaten). Für Schweizer Privatanleger ohne Kapitalertragssteuer ist dieser Aspekt irrelevant — das systematische Rebalancing bleibt aber ein Kernelement der Strategie. Es verhindert, dass man zu lange an Verlierern festhält.

Wichtig

Greenblatts Backtests zeigen: In einzelnen Jahren oder sogar über 2–3 Jahre kann die Formel den Markt deutlich underperformen. Wer in solchen Phasen verkauft, realisiert Verluste und verpasst die Erholung. Die Disziplin, den Prozess trotzdem jährlich durchzuziehen, ist der schwierigste Teil der Strategie.

Die Börsenzauberformel von Joel Greenblatt – Buchcover Magic Formula Investing
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Schweizer Kontext: Warum die Formel hier besonders attraktiv ist

1. Steuerfreiheit auf Kursgewinne
Wenn die Magic Formula eine Aktie identifiziert, die sich verdoppelt, ist dieser Kursgewinn für Schweizer Privatpersonen steuerfrei. Das gibt der Formel einen erheblichen Nettorendite-Vorteil gegenüber Anlegern in Deutschland (26,375% Abgeltungssteuer: 25% Basis + 5,5% Solidaritätszuschlag auf die Steuer, der bei Kapitalerträgen auch 2026 weiterhin anfällt) oder den USA (15–20% Capital Gains Tax je nach Einkommensklasse).

2. Dividenden vs. Kursgewinne beachten
Die Magic Formula favorisiert oft Unternehmen mit geringem Dividendenanteil, die ihr Kapital reinvestieren. Für Schweizer ist das steuerlich günstig: Dividenden sind steuerpflichtig, Kursgewinne nicht.

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Detailartikel
Kursgewinne steuerfrei in der Schweiz: Regel, Ausnahmen und was Privatanleger wissen müssen

Was die Formel nicht kann

Die Magic Formula ist kein Autopilot. Drei Grenzen muss jeder Anwender kennen:

1. Value Traps
Ein Unternehmen kann günstig erscheinen, weil es fundamental schlechter wird. Wenn der Markt bereits antizipiert, dass ROC in Zukunft einbrechen wird, ist die aktuelle Kennzahl ein schlechter Vorläufer.

2. Bilanztricks
Unternehmen können ihren EBIT durch aggressive Buchführung aufblasen (Operating Leases, Aktivierungen). Kritische Lektüre des Jahresberichts ist unverzichtbar.

3. Konzentration auf US- und Europa-Wissen
Bei einem globalen Screening tauchen Unternehmen aus Märkten auf, über die weniger öffentliche Informationen verfügbar sind. Für Kandidiaten aus weniger transparenten Märkten die Hürde für Qualitätsüberprüfung höher ansetzen.

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Zusammenfassung

Das Wichtigste auf einen Blick
  • Die Magic Formula kombiniert Return on Capital (Qualität) mit Earnings Yield (Bewertung)
  • Ziel: Qualitätsunternehmen zu günstigen Preisen finden — systematisch, nicht intuitiv
  • Greenblatts Methode: 20–30 Titel kaufen, ein Jahr halten, dann jährlich rebalancieren
  • Globales Universum wählen — nicht auf USA oder Europa beschränken
  • TradingView Screener: ROIC > 15% und EV/EBIT < 15 als Basisfilter
  • Für Schweizer Anleger besonders attraktiv: steuerfreie Kursgewinne
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