Die 4%-Regel erklärt: Gilt die Trinity Study für Schweizer?

Illustration eines Schweizer Alpenpfads mit Berggipfel im Morgenlicht und einem eingeblendeten Prozent-Display — symbolisiert die sichere Entnahmerate für FIRE in der Schweiz.

Nachdem ich 2019 den Artikel von Mr. Money Mustache mit dem Titel „Die einfache Antwort auf ‚Wie viel brauche ich für den Ruhestand?'“ gelesen hatte, sass ich zum ersten Mal mit einem Taschenrechner und der grossen Frage: Wie viel brauche ich eigentlich, um nie mehr arbeiten zu müssen und die 4%-Regel zu erreichen?

Die Zahl, die dabei herauskam, war definitiv grösser als mein Bankkonto. Aber sie war nicht absurd — nicht wenn man sie auf eine Zeitachse legt und jährliches Sparen, Zinseszins und realistisches Einkommenspotenzial berücksichtigt. Zwei Hebel sind entscheidend — die Entnahmerate (wie viel du jährlich entnimmst) und der absolute Betrag deiner Lebenshaltungskosten. Wer nicht CHF 80’000 sondern CHF 60’000 pro Jahr braucht, reduziert sein Kapitalziel um über CHF 550’000 — ohne eine Aktie mehr zu kaufen.

Dieser Artikel erklärt die Datenbasis hinter der 4%-Regel, wo die Lücken für Schweizer liegen und welche Entnahmestrategie realistischerweise zu deiner Planung passt.

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Was ist die Trinity Study — und woher kommt die 4%-Regel?

1998 veröffentlichten drei Professoren der Trinity University in Texas eine Studie mit einer einfachen Frage: Wie lange hält ein Portfolio, wenn jemand jedes Jahr einen festen Prozentsatz entnimmt?

Ihre Methode: Sie testeten verschiedene Entnahmeraten und Portfoliomischungen (Aktien/Obligationen) anhand von US-Marktdaten zwischen 1926 und 1995. Das nennt man Backtesting — du schaust rückwirkend, wie eine Strategie in der Vergangenheit funktioniert hätte. Dann zählten sie: In wie vielen der 30-Jahres-Perioden hätte das Portfolio überlebt?

Das Ergebnis für die 4%-Regel:

Entnahmerate100% Aktien75% Aktien / 25% Obligationen50% / 50%
3%~100%~100%~100%
4%~95%~96%~85%
5%~80%~77%~65%
6%~68%~62%~45%

Erfolgsrate = Portfolio überlebt alle 30-Jahres-Perioden ohne auf null zu fallen.
Quelle: Cooley, Hubbard & Walz (1998). Vertiefte Analyse und laufend aktualisierte Backtests: earlyretirementnow.com — SWR-Serie

Kernaussage der Studie: Bei 4% jährlicher Entnahme und einem Portfolio aus 75% Aktien überlebte das Portfolio in 96% aller untersuchten 30-Jahres-Perioden. Mit einer 50/50-Mischung aus Aktien und Obligationen sinkt die Erfolgsrate auf 85%. Das klingt solide — und ist es auch. Für die USA.


Warum die 4%-Regel für Schweizer nicht 1:1 gilt

Die CHF-Falle — dein Portfolio wächst in USD, du gibst CHF aus

Die Trinity Study basiert auf US-Aktien (S&P 500) und US-Obligationen, alles in Dollar. Wenn du als Schweizer FIRE-Investor in einen globalen ETF sparst — sagen wir einen MSCI World ETF — dann denominiert dein Portfolio mehrheitlich in USD und EUR.

Deine Ausgaben dagegen laufen in CHF.

Das Problem: Der Schweizer Franken hat sich über Jahrzehnte gegenüber dem Dollar und dem Euro stark aufgewertet. Ein MSCI World ETF, der in USD 7% zugelegt hat, hat in CHF vielleicht nur 4–5% zugelegt — weil der stärkere Franken einen Teil der Rendite wegfrisst. Historische CHF/USD-Daten seit 1971: FRED — Federal Reserve St. Louis.

USD in CHF-Chart - symbolisiert die Frankenaufwertung gegenüber dem USD

Quelle: xe.com — Währungsverlust USD/CHF über 10 Jahre: 19.56% (durchschnittlich ~1.96% pro Jahr)

Für deine Entnahmestrategie heisst das: Die reale Kaufkraft deines Portfolios in CHF wächst langsamer als in der Trinity Study angenommen.

Schweizer Inflation ist tiefer — aber das erklärt nicht alles

Ein häufiges Gegenargument: „Aber in der Schweiz ist die Inflation doch viel tiefer als in den USA!“ Das stimmt. Die US-Inflation liegt historisch bei rund 3% pro Jahr — die Trinity Study kalibriert auf diesem Wert. Die Schweizer Inflation liegt historisch eher bei 1–1.5%.

Das ist ein Vorteil: Deine Kaufkraft erodiert langsamer. Aber die CHF-Stärke kompensiert diesen Vorteil in vielen Perioden. Netto-Effekt für Schweizer Anleger: je nach Marktphase leicht negativ bis neutral.

Die AHV — und die Pensionskasse — ändern die Gleichung komplett

Hier liegt der grösste Unterschied zu US-FIRE-Berechnungen. Und der bedeutendste Vorteil für Schweizer.

Wer mit 45 in Frühpension geht, hat zwei Phasen:

  • Phase 1: 45–65 — kein AHV-Einkommen, volles Portfolio trägt alle Ausgaben
  • Phase 2: ab 65 — AHV-Vollrente von CHF 2’520/Monat, ausbezahlt über 13 Monate (seit 2026) = CHF 32’760/Jahr
Zweiphasige Timeline-Illustration: Portfoliophase vor 65 und AHV- plus BVG-Phase ab 65 — 4%-Regel für FIRE Schweiz.

Hinzu kommt die 2. Säule (Pensionskasse / BVG): Mit Erreichen der Altersgrenze wird dein angespartes BVG-Kapital frei — als Einmalkapital oder als Rente. Das reduziert den Portfoliobedarf weiter.

Wichtig für FIRE-Personen: Als Frührentner ohne Arbeitgeber bist du weiterhin AHV-beitragspflichtig (als Nichterwerbstätiger). Die Beitragsberechnung lohnt sich zu prüfen.

Zum Vergleich mit den USA: Auch Amerikaner erhalten im Alter eine staatliche Rente — die Social Security. Sie ist mit durchschnittlich rund USD 1’800/Monat deutlich kleiner als die AHV und setzt eine volle Erwerbsbiographie bis ~67 voraus. FIRE-Einsteiger, die mit 45 aufhören, können sie kaum maximieren. Strukturell liegt die Schweiz hier klar im Vorteil.

Merke: Die AHV und die Pensionskasse sind keine Zusätze — sie sind eingebaute Sicherheitspuffer, die die Trinity Study schlicht nicht kennt.


Welche Entnahmerate passt für Schweizer?

Internationale FIRE-Forscher — insbesondere Wade Pfau — kommen für europäische und CHF-nahe Portfolios auf tiefere Werte als 4%. [Pfau 2010 „Safe Savings Rates“]

Die Empfehlung variiert je nach Pensionsalter und ob AHV/BVG bereits berücksichtigt werden:

Tabelle 1 — Empfohlene SWR: Portfoliophase (vor AHV/BVG, Phase 1)

PensionsalterJahre bis 65Empfohlene SWR
vor 50>15 Jahre3.0%
50–5510–15 Jahre3.0–3.5%
55–605–10 Jahre3.5%

Tabelle 2 — Effektive SWR ab 65: mit AHV + BVG/PK (Phase 2)

Beispiel: Ausgabenbedarf CHF 60’000/Jahr, Portfolio CHF 1’714’000

EinkommensquelleJahresbetrag
AusgabenbedarfCHF 60’000
− AHV-Vollrente (CHF 2’520 × 13)− CHF 32’760
Bedarf aus Portfolio= CHF 27’240
Effektive SWR1.6%

BVG/PK-Kapital und die darauf erwirtschaftbare Rendite kommen zusätzlich dazu — die effektive Rate sinkt weiter.

Die Entnahmestrategie selbst ändert sich nicht — du entnimmst einen fixen Betrag aus dem Portfolio. Aber der Prozentsatz ist tiefer angesetzt, um CHF-Stärke und lange Entnahmedauer aufzufangen.


Von der Theorie zur Praxis: Beispielrechnung

Stellen wir uns vor, du heisst Max, bist 45 Jahre alt und planst FIRE. Dein FIRE-Ausgabenbedarf: CHF 60’000 pro Jahr.

Dein Kapitalziel je nach Entnahmerate (Phase 1, vor 65):

EntnahmerateFormelBenötigtes Kapital
4.0%60’000 ÷ 0.04CHF 1’500’000
3.5%60’000 ÷ 0.035CHF 1’714’000
3.0%60’000 ÷ 0.03CHF 2’000’000

Ab 65 greift die AHV: CHF 2’520 × 13 = CHF 32’760/Jahr. Max‘ Portfoliobedarf sinkt auf CHF 27’240/Jahr. Effektive SWR bei CHF 1’714’000: 1.6% — das Portfolio wächst real weiter, selbst wenn Max 95 Jahre alt wird. Das BVG/PK-Kapital und die darauf erwirtschaftbare Rendite kommen noch dazu.

Eine Frage bleibt offen: Zählt man als finanziell unabhängig, wenn man AHV und Pensionskasse miteinrechnet?

Das lässt sich diskutieren. Die Pensionskasse ist persönliches Kapital — sie läuft auf deinen Namen und kann nach aktuell geltendem Recht als Einmalkapital bezogen werden. Die AHV funktioniert anders: Sie ist ein staatliches Umlageverfahren — deine Beiträge finanzieren die heutigen Rentner. Wie sicher diese Rente für künftige Generationen bleibt, lässt sich erst beurteilen, wenn eine konkrete AHV-Reform angenommen ist.

Wer auf der sicheren Seite planen will: FIRE-Ziel auf Basis des Portfolios allein berechnen — ohne AHV und BVG. Die Säulen 1 und 2 wirken dann als willkommener Puffer, nicht als Fundament.

CHF 60’000 pro Jahr zu wenig für deinen Lebensstil? Die gute Nachricht: Der absolute Betrag deiner Lebenshaltungskosten ist der stärkste Hebel für deine FIRE-Zahl. Schon CHF 10’000 weniger pro Jahr reduziert dein Kapitalziel um CHF 285’000 (bei 3.5% SWR). Wie das geht, ohne auf alles zu verzichten — regelmässig Thema im SwissWealthTrail-Newsletter.

[Wie berechnest du deine persönliche FIRE-Zahl? → Zum Cluster-Artikel „FIRE-Zahl berechnen“]


Das kannst du diese Woche tun

  1. Jahresausgaben ermitteln: Addiere alle Ausgaben der letzten 12 Monate. Bankauszug auf, Kreditkartenabrechnung dazu.
  1. Kapitalziel berechnen (Phase 1 — vor 65):
  • Konservativ: Ausgaben ÷ 0.03
  • Moderat: Ausgaben ÷ 0.035
  • Optimistisch (Pension ab 60+): Ausgaben ÷ 0.04
  1. AHV-Puffer berechnen (Phase 2 — ab 65): Ziehe die AHV-Vollrente (CHF 32’760/Jahr) von deinem Jahresbedarf ab. Das ist dein effektiver Portfoliobedarf nach 65 — die echte Entnahmerate, die deutlich tiefer liegt als in Phase 1. BVG-Kapital kommt on top.
  1. Pensionsalter prüfen: Die SWR-Empfehlungen in Tabelle 1 gelten für Phase 1 (vor 65). Sobald AHV und BVG einspringen, sinkt die effektive Rate dramatisch — wie im Beispiel gezeigt: von 3.5% auf 1.6%.

Schreib deine drei Kapitalziele auf. Der Unterschied zwischen den Szenarien zeigt dir, wie viel Entscheidungsspielraum du bei deiner Sparrate hast.


Zusammenfassung

Die Trinity Study ist kein Fehler — sie ist eine solide empirische Grundlage. Aber ihre Annahmen passen nicht vollständig auf Schweizer Verhältnisse.

Die CHF-Stärke frisst Rendite. Die AHV und Pensionskasse geben dir Puffer. Und dein Planungshorizont ist womöglich länger als 30 Jahre.

3–3.5% ist die realistischere Entnahmerate für die Portfoliophase — mit dem Wissen, dass AHV und BVG die effektive Rate ab 65 auf unter 2% senken können.

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⚠️ Disclaimer: Dieser Artikel dient ausschliesslich zu Bildungszwecken. Nichts hier ist Anlageberatung. Ich teile meine persönliche Meinung und wie ich selbst plane. Triff deine eigenen Entscheidungen und konsultiere bei Bedarf einen zugelassenen Finanzberater.

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